liesmichmal.de
Texte übers Schreiben. Über Pferde, Menschen, Medien und "Is' mir neulich passiert".
Kommentare, Ergänzungen und Widerspruch sind willkommen.
16.12.2025
2009 - 2025
Es gab noch kein Instagram, als ich den Job begann, der heute endet. Das iPhone war zwei Jahre alt und die Mehrheit benutzte Mobiltelefone ohne Touch-Display. Angela Merkel wurde zum ersten Mal wiedergewählt, ich fuhr noch Porsche und schrieb gerade an dem Buch darüber.
Am 16.11.2009 saß ich in der linken Ecke meines gelb-blauen Sofas im Wohnzimmer meiner Arbeitswohnung, das Laptop auf dem Schoß, als die Mail kam mit der Anfrage: „Hallo, wir möchten unser Autorenteam vergrössern…“
Das fehlende ß, das hier – trotz Rechtschreibreform – stehen muss, verriet etwas über den Absender. Sonst bin ich da penibel, hier gab es Gründe, es nicht zu sein.
Für Harald Schmidt, bzw. zu diesem Zeitpunkt für „Schmidt und Pocher“, lieferte ich schon drei Jahre Gags, für ein halbes Dutzend andere Sendungen hatte ich das außerdem getan. War also gut im Training und konnte gleich in der ersten Ausstrahlung einen „Treffer“ landen.
„Im Fitnessstudio gibt es auch eine Rudermaschine. Sie wäre nicht so anstrengend, wenn man darauf ein Segel montieren würde.“
In meiner eingesandten Version stand „Segel“ ganz am Ende. Die Umstellung in der ausgestrahlten Version nahm etwas Kraft aus dem Gag, was der Charme des Präsentators aber wettmachte.
„Treffer“ so lautete in den folgenden 16 Jahren das Betreff der Mails, die bestätigten, dass ich etwas verkauft hatte. Manchmal stand da auch „Kein Treffer“. Da musste man die Mail gar nicht öffnen.
Aber egal ob ich verkaufte oder nicht (mehrheitlich verkaufte ich), ich schickte Gags, wenn die Mails eingingen. Wahlweise mit den Betreffs: „Themen“, „Weitere Themen“ und „Noch ein Thema“.
So kamen pro Jahr etwa 60 Themen zusammen und in 16 Jahren gut zweitausend Gags.
Liest man sie heute, ist das ein Ritt durch die vor allem bundesdeutsche Geschichte, zeigt den Wandel der Sendung, der künstlerischen Ausrichtung und der Produktionsbedingungen.
Anfangs oft tages- bzw. wochenaktuell, später monatsaktuell und zunehmend ohne Bezug zur aktuellen Nachrichtenlage. Dadurch wurden die Stand-ups haltbarer. Ließen sich die Sendungen Wochen vor Ausstrahlung gebündelt aufzeichnen.
Ich ging den Weg gerne mit. Lernte. Und beobachtete, wie sich eine immer unverwechselbarere Künstlerpersona entwickelte.
Die, und das kann man nicht genug betonen, bestimmte, wo es lang ging.
Der Autor steuert nicht das Auto, er liefert nur ein paar Tropfen Benzin.
Wenn heute Abend die letzte Sendung ausgestrahlt wird, mit meinem letzten Beitrag dafür, endet damit nicht nur eine Ära für Produktion, Redaktion und Hauptperson.
Damit endet für mich die Arbeit für Mensch und Format, aus einer Medienepoche, die ein anderes Tempo hatte, anderen medialen und sozialmedialen Umgang miteinander. Wenngleich man sich über die Jahrzehnte anpasste.
Mein Weg als Oneliner-Autor endet damit nicht. Längst schreibe ich regelmäßig für andere, zunehmend auch für Menschen und Formate, die nicht nur auf Bildschirmen stattfinden.
Ich bin sehr dankbar für diese 16 Jahre. Sie machen mich zum Mitglied im – hiermit gegründeten – Klub 16. Die anderen Mitglieder heißen Kohl und Merkel. Nun ja…
Wichtiger ist, dass zwar die Sendung endet, aber nicht die Karriere ihres Protagonisten. Sie setzt sich fort auf den großen Bühnen des Landes.
Bon voyage, merci und au revoir!
ADMIN - 07:29:28 | Kommentar hinzufügen
Keine neuen Kommentare