liesmichmal.de - Christian-Eisert-Blog
Texte übers Schreiben. Über Pferde, Menschen, Medien und "Is' mir neulich passiert".
Kommentare, Ergänzungen und Widerspruch sind willkommen.
27.04.2026
Wann man schreiben sollte. Und wann nicht.
Wann Schreibende schreiben sollten, hängt von vier Faktoren ab. Und von der Frage, wann Autoren nicht schreiben sollten.
Es gib dieses Bild vom Schriftsteller oder von der Schriftstellerin, das einfach nicht aussterben will: Er oder sie sitzt an einem schönen alten Schreibtisch, im Hintergrund die große Bücherwand. Auf dem Schreibtisch steht eine Tasse mit Tee oder Kaffee. Und es wird geschrieben, weil es heute einen Einfall gab. Weil die Inspiration kam.
Irgendwann ist nach vielen Kämpfen und vielleicht gar einer Schreibblockade das Manuskript fertig, geht zum Verlag, in den Druck und in den Handel. Es folgen Interviews und Lesereisen.
Und frühestens ein Jahr nach Abgabe dieses einen Buches beginnt man ein neues.
Bei der Variante „Drehbücher schreiben“ herrschen ähnliche Vorstellungen. Hier denken viele Nichtschreibende: Im Frühjahr geschrieben und kurz vor Weihnachten im Fernsehen.
So viel vorab: Sowohl die Buch-, als auch die Drehbuch-Variante habe ich so durchaus schon erlebt.
Das sind jedoch Ausnahmefälle. Ein Dreier im Lotto 6 aus 49 ist etwa ebenso häufig. (1 von 64,9 Ziehungen, etwa 1,54 Prozent)
Ich habe Bücher geschrieben mit sechsstelligen Auflagen. Genaugenommen eines. Die anderen sind fünfstellig, vierstellig. Keines dreistellig. Immerhin.
Dazu kommen rund fünfzig produzierte Drehbücher. Siebenminüter, 20-Minüter, Halbstünder, 45er und ein 90er als Treatment zu zweit. Nicht alle waren fürs TV, sondern auch Hörspiele. Für die gibt es Honorare, die etwa ein Zehntel vergleichbar langer Bewegtbild-Formate betragen.
Außerdem schrieb ich hunderte Off-Texte und tausende Gags.
Von allen Einnahmen bekommen meine Agenten einen kleinen Anteil und etwa die Hälfte des Einkommens geht in Form von Steuern an unsere Polizist, Feuerwehr, Schulen, Bundes- und Landesparlamente und unsere kleine kaputte Armee.
Die Frage, wann Autoren schreiben sollten, hängt also eng mit der Frage der Honorierung zusammen. Und berührt damit das Bedürfnis der meisten Erwachsenen, dass ihr tägliches Tun genügend Ertrag bringt für Nahrungsmittel, Wohnung und Pferd, Boot und Fernreisen. Okay, da ist ein bisschen Luxusdenken dabei. Aber die Grundbedürfnisse sollte der Beruf schon decken. Auf Fernreisen kann man verzichten. Und auch auf Nahrung und Wohnung.
Die Statistik zum Einkommen von Autoren ist eindeutig. Sofern man aufpasst.
„Gerade mal zwei Prozent der Autorinnen und Autoren können ausschließlich von ihrer Arbeit leben“, wird Lena Falkenhagen vom Verband deutscher Schriftsteller*innen in einem Beitrag auf Tagesschau.de zitiert.
„Laut Söndermann können 5,7% der Schriftsteller*innen ausschließlich von ihrem aus der Autorentätigkeit erarbeitenden Einkommen leben.“, steht bei Verdi bezogen auf dieselbe Datenerhebung, nämlich die von Michael Söndermann vom Büro für Kulturwirtschaftsforschung Köln, die der Verband von Lena Falkenhagen 2019 bei ihm in Auftrag gab. Seine Erkenntnisse hat der Verdi-Text falsch interpretiert, was viel aussagt über eine Gewerkschaft, die in Anspruch nimmt, die Interessen von Schreibenden zu vertreten.
Södermanns 5,7 % beinhalten neben Buchschreibenden auch Drehbuch- und Games-Schreibende. Also „Autoren“. Lena Falkenhagen hat im Sinne ihres Verbands, diese herausgerechnet und nur Buchschreibende berücksichtigt, wofür gewöhnlich der Begriff „Schriftsteller“ benutzt wird.
Und weil die Prozentzahlen wenig konkret sind, hier die absoluten Zahlen und danach kommen wir schon zum ersten Faktor, wann Schreibende schreiben sollten:
Von 75.129 einkommenssteuerpflichtigen Autoren und Autorinnen (Buch, Drehbuch, Games) in Deutschland, erzielen 11.622 ihr Einkommen ausschließlich aus freiberuflicher Tätigkeit, 25.807 aus überwiegend freiberuflicher Tätigkeit und rund 51.000 aus hybrider Tätigkeit. Letzteres meint, das zwar regelmäßig und erwerbsmäßig freiberufliche Einkünfte als Autor/in erzielt werden, aber die wirtschaftliche Existenz nur durch abhängige Beschäftigung möglich ist.
Letzen Endes erzielen laut Verdi nur 1.802 als Autor aller Art tätige Personen ein Brutto-Jahreseinkommen von über 50.000 Euro, was eine Existenz im unteren Mittelstand ermöglicht. 40 Schreibende von den 1.802 verdienen über eine Million Euro im Jahr.
Die Zahlen sind von 2019, inzwischen sind die Erlöse in allen Bereichen mehrheitlich gesunken, besonders im Verhältnis zu den gestiegenen Lebenshaltungskosten. Das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen in Deutschland betrug 2025 übrigens 66.171 € (West) bzw. 52.926 Euro (Ost).
Wovon also hängt ab, wann Schreibende schreiben sollten?
Faktor 1: Angesichts der Einkommenszahlen und -möglichkeiten: Du solltest schreiben, wenn es nichts anderes gibt, was du mehr willst.
Die übrigen drei Faktoren sind schneller beantwortet.
Faktor 2: Du solltest schreiben, wenn du einen Abgabetermin hast.
Im Bereich Drehbuch wird im Unterschied zum Buch nicht das von Anfang bis Ende in der beabsichtigten Form aus- und fertiggeschriebene Werk abgegeben, sondern es wird von grob nach detailliert gearbeitet, wobei die erste Abgabe manchmal nur einen Viertelseiter umfasst.
Bücher werden weniger kleinteilig geschrieben. Immer jedoch mit einem ein- bis wenigseitigen Exposé angeboten. Also auch da mehr als ein Abgabetermin.
Jede dieser Fassungsstufen wird gegengelesen, besprochen und ggf. überarbeitet und wieder besprochen.
Was bedeutet, ich habe im Jahr, im Monat, in der Woche viele Abgabetermine. Allerdings nicht gleichmäßig verteilt. Sondern zwischen drei am Tag und einen in drei Monaten.
Womit sich die Frage stellt, was macht ein Schreibender, wenn er mehrere Wochen keinen Abgabetermin hat?
Zuvor…
Faktor 3: Du solltest schreiben, wenn du Zeit und Ruhe dafür hast.
Die Tätigkeit des Lebens an sich, beinhaltet häufig die Notwendigkeit des Zusammenlebens mit anderen. Da ist es hilfreich, kann der oder die Schreibende „zur Arbeit gehen“. Also in eine Art Büro anderswo. Gern handelt es sich dabei dann um eine Arbeitswohnung, ein Arbeitshaus oder eine Arbeitshütte. Vor allem bei den vorhin erwähnten 40 Einkommensmillionärsautoren. Beim Durchschnittsautor meint „zur Arbeit gehen“ meist den Gang vom Schlaf- ins Arbeitszimmer.
In diesem Falle können Geräusche der mit einem lebenden Personen (Kinder!) oder auch von Nachbarn (Schlagbohrmaschinen, Pullern) die Konzentration aufs Werk behindern.
Auch das Bedürfnis von Partner/innen nach gemeinsam miteinander verbrachten Mahlzeiten, Ausflügen oder Geschlechtsverkehren kann den Arbeitsrhythmus Schreibender empfindlich beinträchtigen. Vom Einkaufen, Putzen und Steuern machen gar nicht zu reden. Aufgaben die als Single lebende Schreibende noch weniger anderen übertragen können. (Gänzlich geschwiegen wird hier von der anderen Tätigkeitshälfte hybridarbeitender Schreibender.)
Faktor 3 braucht also viel Planung und Durchsetzungsfähigkeit. Auch gelegentliche Rücksichtnahme schadet nicht.
Faktor 4: Du solltest schreiben, wenn du es kannst.
Was nicht das zeitliche oder stimmungsabhängige Schreibenkönnen meint, sondern das Können als Qualifikation. Schreiben ist eine Mischung aus Lebenshaltung, wozu der Wille gehört (Faktor 1), aber zuvorderst Handwerk. Das kann man in weiten Teilen lernen. Das muss man üben und – um Trainingseffekte zu erzielen – immer wieder regelmäßig ausüben. Bei wem das aber alles nichts nützt, der sollte gut überlegen, was er besser kann, als zu schreiben. Es lohnt den dauerhaften Frust bei sich und anderen nicht, am Schreiben festzuhalten.
Dann also sollte man nicht schreiben. Fürs Nichtschreiben gibt es aber noch einen weiteren, froher stimmenden Anlass.
Grundsätzlich gilt: Hast du keine fremdbestimmten Abgabetermine für mindestens eine Woche, kannst und solltest du dir für Herzens- oder Schubladenprojekte selbst welche setzen, um voranzukommen. Alternativ bemühst du dich aktiv um neue Aufträge.
Hast du jedoch absehbar wieder Abgaben, was absehbar Einkommen bedeutet – zum Beispiel, nach dem dreiwöchigen Urlaub der Redakteurin oder nach Ende der Sommerflaute – und ist der Zeitraum bis dahin länger als du für das Abzugebende an Zeit brauchst, solltest du nicht schreiben. Und stattdessen selbst zur Regeneration Urlaub machen. Oder die Steuern.
Oder aber – und das mache ich gerade – du schreibst das, wozu du wegen der Abgaben selten oder nie kommst (Herzenprojekt) Machst dir dabei aber keinen Stress, sondern schreibst nur so viel, wie gerade geht. Den Rest der Zeit verbringst du mit Rumlullern.
Is῾ auch wichtig.
—
Was meint ihr, wann man Schreiben sollte?
Wie wichtig ist es euch? Und wie wichtig ist der Faktor Einkommen?
ADMIN - 09:28:48 @ Drehbuch, Buch, Autorenleben | Kommentar hinzufügen
Suchen
Letzte 2 Kommentare
-
Test
-
Lustig, das mit den unterschiedlichen Umarmungen von Männer und Frauen ist mir …
Kommentar hinzufügen
Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.