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12.08.2025
„Wenn Sie Lust haben, können Sie gleich mit meiner Frau singen.“ – Teil 1
Nachdem ich auf Norderney eine Freundin besucht hatte, in deren Küchenschrank zwei Kaninchen wohnen, war ich wieder aufs Festland zurückgekehrt. Diese Nacht meines Urlaubs wollte nicht im Zelt schlafen. Sondern in einem Bauwagen. Ich hielt das für eine angemessene Unterkunft für einen Autor von Löwenzahn-Drehbüchern.
Der ostfriesische Bauwagen war etwas kürzer als der von Fritz Fuchs (Peter Lustig ist tot!) und laut Fotos im Buchungsportal nicht blau, sondern grau. Tür und Fenster waren jeweils in die kurzen Seiten eingelassen. Passend zum grauen Äußeren schmückte eine graue Blümchentapete die Innenwände. Ein quer vor dem Fenster stehendes Doppelbett nahm die Hälfte des Raumes ein. Davor, zur Tür hin, drängten sich Kommode und Anderthalbsitzer. Die Toilette sei nur ein paar Schritte über den Hof entfernt, stand auf der Website. Hoffentlich kein Plumpsklo. Für 54 Euro kann man schließlich etwas Komfort verlangen. Dass der Sanitärraum auch als eine Art Gewächshaus diente, stand ebenso wenig auf der Website, wie ein Hinweis auf die Begeisterung der Landfrauen für „Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht“.
Frau Navi leitete mich immer tiefer ins Nichts des ostfriesischen Küstenhinterlandes. Die nächstgelegene Stadt – ich nenne sie mal Seume – hatte knapp 7000 Einwohner. Gefühlt gab es in der Gegend mehr Windräder als Menschen. Und mehr Kühe als Windräder.
Vor einem einsamen breit stehenden Bauernhaus hielt ich. Kaum ausgestiegen, begrüßte mich ein beleibter Mittdreißiger und wies mir den Weg zu meiner heutigen Schlafstatt: Bis zum Ende der Fahrspuren, dann links an der Tenne vorbei bis vor den Giebel des Stalls. Allein herausfinden musste ich, wie man dabei keine Hühner überfährt, denn die wichen meinem Wagen erst aus, als sie der Stoßfänger berührte.
Ich hatte meine schmucke Behausung noch nicht betreten, da kam der Bauer aus einer Hintertür des Verbindungsbaus zwischen Stall und Wohnhaus hervor und wies erneut ein. Diesmal in das Getränkeangebot, das sich hinter der Hintertür in einem Kühlschrank stapelte: „Alles, was gesund und schön macht. Aber auch was ohne Alkohol.“ Ich lachte, so gut ich konnte. Kaum mehr Platz als der Kühlschrank bot das Bad. Oder vielmehr der Toilettenraum, denn eine Dusche fehlte. Der feuchte Glanz auf den Fliesen in Vorraum und Abort hätten frische Wischspuren seinen können. Irrtum. „Bei den Temperaturen schwitzt der Boden immer“, erklärte der Land- und Zimmerwirt. Da hätte ich schon hellhörig werden müssen, aber was im Sanitärraum wuchs, übersah ich zunächst. Und nein, es war kein Schimmel.
Wieder draußen, trug ich mein erstes Köfferchen in den Bauwagen, das sprach der Landwirt oben verkürzt zitierte Einladung aus: „Meine Frau probt gleich mit ihrer Band. Wenn Sie Lust haben, können Sie dazukommen und mit meiner Frau singen.“
Auf meine Erwiderung, ich müsse erst mal was essen, meinte der Bauersmann, ich könne mir Zeit lassen, denn zuvor würde ja noch eine Physiotherapeutin mit allen… den Reste vermurmelte er.
Nach einer schnellen Stärkung – Bifi im Kürbiskernbrötchen – verließ ich den Bauwagen und machte mich auf zur Frau des Landwirts, dessen Wegbeschreibung gelautet hatte. “Zehn Meter in den Stall bis zur Leiter. Die hoch und nicht runterfallen.” Im Dämmerlicht des langestreckten Stallraumes passierte ich mehrere Motoräder: Rennmaschinen, harleyartige Chopper und ein elektrisches Polizei-Kindermotorrad. Die ehemaligen Viehstände waren statt mit Rindern mit Kisten und Gerümpel vollgestellt. Ich erklomm die Leiter, mehr eine Holzstiege mit schmalen Trittstufen, und kam in einen lichtdurchfluteten offenen Dachraum, von der Größe eines Basketballfeldes. Helles Gebälk stützte das Satteldach aus Wellblech. Zwischen zwei Pfosten stand ein weiterer Chopper herum, wie immer der hier hochgekommen war.
„Pfuuuuu… Aaaaah“, keuchte da plötzlich irgendwo eine Frau.
„Pfuuuu… Aaaaah….“, keuchten andere Frauen. Die Geräusche kamen aus einem Raum an der Giebelseite. Eine das Giebeldreieck ausfüllende Spannplattenwand trennte ihn vom Dachraum. Eine grüne Tür war darin eingelassen. Ich drückte die Klinke.
ADMIN - 21:01:00 @ Autorenleben, Neulich | Kommentar hinzufügen
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